Köln, 22. Oktober 2026 – Deutschlands Unternehmen stellen angesichts der verhaltenen Industriekonjunktur, zunehmend angespannter Liquidität und den geopolitischen Herausforderungen ihre Investitionen in Nachhaltigkeit auf den Prüfstand. Parallel dazu belastet die EU-Debatte um Art und Umfang der Berichtspflichten. Beides spiegelt sich in der aktuellen Atradius-Umfrage wider: 73 Prozent der befragten Unternehmen messen Nachhaltigkeit eine hohe bis mittlere Priorität bei. Doch fast jedes zweite Unternehmen verschiebt ganz oder zumindest teilweise Investitionen aus Kostengründen. 77 Prozent sehen in der ESG-Berichterstattung eher und vor allem Aufwand statt Nutzen. „Die Ergebnisse zeigen keinen generellen Abschied vom Thema Nachhaltigkeit. Sie zeigen, dass Unternehmen Aufwand, Kosten und strategische Prioritäten stärker gegeneinander abwägen müssen“, sagt Frank Liebold, Country Director Deutschland beim internationalen Kreditversicherer Atradius, und: „Wer heute jeden Euro zweimal umdrehen muss, investiert lieber in die Zukunftsfähigkeit des eigenen Unternehmens als in die Erfüllung von Berichtspflichten. Dieses Signal sollte die Politik ernst nehmen.“
Für ein Drittel der Unternehmen (33 Prozent) hat Nachhaltigkeit hohe Priorität, für weitere 40 Prozent mittlere. Ein Viertel (27 Prozent) stuft das Thema als nachrangig ein oder hat es ganz zurückgestellt. Dabei hinterlässt der steigende Kostendruck deutliche Spuren: Zwölf Prozent haben Nachhaltigkeitsinvestitionen verschoben, 34 Prozent zumindest teilweise. Damit fährt fast jedes zweite Unternehmen (46 Prozent) Investitionen in Nachhaltigkeit zurück. Nur 54 Prozent halten ihre Pläne unverändert aufrecht. „Nachhaltigkeit ist für viele Mittelständler eine Frage der Liquidität geworden”, sagt Frank Liebold und fügt hinzu: „Wenn Investitionen in Energieeffizienz oder Lieferketten aufgeschoben werden, ist das kein Sinneswandel, sondern Selbstschutz. Gerade deshalb brauchen Unternehmen jetzt Planungssicherheit statt neuer Auflagen.”
ESG-Berichtspflichten: Aufwand dominiert klar
Beim Thema Berichterstattung ist das Urteil der Unternehmen eindeutig. 58 Prozent der Befragten empfinden den zu leistenden Aufwand als zu hoch, 32 Prozent sogar als deutlich zu hoch. Lediglich elf Prozent halten ihn für angemessen. Auch der Nutzen überzeugt kaum: 77 Prozent sagen, die ESG-Berichterstattung führe vor allem oder eher zu zusätzlichem Aufwand. Nur fünf Prozent sehen überwiegend einen Nutzen, 18 Prozent ein ausgeglichenes Verhältnis. Frank Liebold: „Ein Berichtswesen, das 77 Prozent der Unternehmen vor allem als Last empfinden, verfehlt sein Ziel. Transparenz ist wichtig, auch für uns als Kreditversicherer, wenn wir Risiken bewerten”. Aber sie müsse verhältnismäßig sein.
Druck von außen bleibt überschaubar
Druck seitens der Kunden und von Investoren, Nachhaltigkeitskennzahlen offenzulegen, spürt lediglich eine Minderheit der befragten Unternehmen. Sieben Prozent nehmen ihn als stark wahr, knapp 31 Prozent als eher steigend. Die Mehrheit von 62 Prozent spürt jedoch eher keinen oder gar keinen zusätzlichen Druck. Gesellschaftlich sehen die Unternehmen dennoch generell steigende Erwartungen. Auf die Frage, welche Erwartung am stärksten zugenommen hat, nennen 28 Prozent das Thema Nachhaltigkeit. Fast gleichauf folgen Datensicherheit (26 Prozent) und faire Arbeitsbedingungen (24 Prozent). Regionale Verantwortung (elf Prozent), Transparenz (fünf Prozent) und Diversität (zwei Prozent) liegen deutlich dahinter. „Die Erwartungen an Unternehmen sind breiter geworden“, erklärt Frank Liebold. Nachhaltigkeit stehe nach seinen Worten nicht mehr allein, sondern teile sich die Aufmerksamkeit mit Datensicherheit und guten Arbeitsbedingungen. Wer als Geschäftspartner vertrauenswürdig sein wolle, müsse auf allen drei Feldern liefern. Verantwortung zeige sich am Ende im Handeln, nicht im Umfang des Berichts.
Für die im September dieses Jahres durchgeführte Umfrage wurden rund 300 Unternehmen unter anderem aus den Branchen Automotive, Bauwirtschaft und Baustoffhandel, Chemie, Dienstleistungen, Elektronik, Finanzen, IT/Software, Konsumgüter, Landwirtschaft, Lebensmittel, Maschinenbau, Metall, Papier, Textil sowie Transport befragt. Die Jahresumsatzspanne der befragten Unternehmen reicht von unter fünf Millionen bis über einer Milliarde Euro. Die Zahl der Beschäftigten liegt bei den befragten Unternehmen zwischen unter 100 und mehr als 1.500.
- Atradius-Umfrage: Neun von zehn Firmen halten ESG-Berichtspflichten für zu aufwendig.
- Nur fünf Prozent sehen in der ESG-Berichterstattung überwiegend einen Nutzen.