Die deutsche Automobilindustrie befindet sich im tiefgreifendsten Strukturwandel ihrer Geschichte. Während heimische Hersteller mit sinkenden Verkäufen, hohen Investitionen, schrumpfender Produktion, Werksschließungen und zehntausendfachem Stellenabbau kämpfen, dominieren chinesische Anbieter bei Preis und Leistung zunehmend den globalen Zukunftsmarkt Elektromobilität. Die deutschen Autobauer kämpfen um ihre globale Wettbewerbsfähigkeit. „Der Wandel, der sich in der Automobilindustrie vollzieht, ist kein zyklischer Abschwung. Es ist eine tiefgreifende Veränderung, der die gesamte Wertschöpfungskette erfasst und die Unternehmen vor enorme Herausforderungen stellt“, sagt Frank Schumacher, Manager Special Risk Management beim internationalen Kreditversicherer Atradius. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Prognose von Oxford Economics wider, die für die deutsche Automobilindustrie einen Produktionsrückgang von 2,6 Prozent für dieses Jahr und einen weiteren Rückgang von 1,8 Prozent im Folgejahr sehen.
Die Zeiten, in denen deutsche Automobilhersteller den globalen Markt technologisch anführten, gehören zunehmend der Vergangenheit an. Heute zählen nicht mehr die Qualität von Stoßdämpfern, die solide Karosserie oder Spaltmaße, sondern Software und Technologie. Obwohl deutsche Hersteller massiv in neue Elektrolösungen wie den BMW NK oder die VW ID-Reihe investieren, bleiben die erwarteten Erfolge bisher aus. Die Margen bei Elektrofahrzeugen liegen deutlich unter jenen klassischer Verbrenner. Zeitgleich agieren chinesische Unternehmen nach einem anderen Modell: Sie verfügen über autarke Wertschöpfungsketten, erzielen erhebliche Skaleneffekte und bringen neue Modelle deutlich schneller auf den Markt. Nutzer werden dabei bewusst als Testfahrer eingebunden, was Entwicklungszyklen erheblich verkürzt. „Chinesische Hersteller haben einen systemischen Vorteil aufgebaut. Der dortige, vom Staat geförderte Verdrängungswettbewerb fördert technologische Innovationen in einem bisher nicht gekannten Ausmaß", erklärt Frank Schumacher. Das führt zu einem spürbaren Rückgang von Absatzvolumen und Gewinnen bei den deutschen Herstellern – und einem massiven Stellenabbau.
Zulieferer unter enormem Druck
Der Druck auf die Hersteller trifft die gesamte Lieferkette. Vor allem Tier 3- und Tier 4-Zulieferer sind zunehmend von Insolvenzen und Kapazitätsabbau betroffen, da Elektrofahrzeuge lediglich 200 bis 300 Teile benötigen, während es in einem Verbrenner etwa 1.500 bis 2.000 Teile sind. „Unternehmen, die ausschließlich auf den Verbrennungsmotor ausgerichtet sind und weder das Kapital noch die Strategie für die Transformation des E-Auto-Zeitalters haben, sind existenziell gefährdet. Allerdings sehen wir auch nach wie vor gelungene Restrukturierungen und Unternehmen, die ihre Hausaufgaben machen. Diese werden auch in Zukunft erfolgreich sein", erläutert Frank Schumacher. Die starken und fitten Unternehmen werden sich durchsetzen.
Die politischen Rahmenbedingungen verstärken zudem den Druck. Strenge CO2-Normen und Flottenverbrauchsvorgaben beschleunigen den Transformationsdruck auf deutsche Unternehmen, während bürokratische Hürden und restriktive Datenschutzregelungen Innovationen beim autonomen Fahren und bei der Digitalisierung bremsen. Staatliche Kaufprämien für Elektrofahrzeuge haben in der Vergangenheit überwiegend kurzfristige Mitnahmeeffekte erzeugt, von denen in vielen Fällen ausländische Anbieter profitierten. Geplante Importquoten und Zölle, etwa auf Stahl ab Juli, sollen europäische Industriezweige schützen, erhöhen jedoch gleichzeitig das Risiko von Handelskonflikten und verteuern Vorprodukte. „Automotive-Unternehmen brauchen Sicherheit und Planbarkeit. Aktuell haben es auch gut aufgestellte Zulieferer nicht leicht, wenn sich Abrufzahlen kurzfristig ändern – dann ist das Lager auf einmal voll und die Kasse leer", so Frank Schumacher.
Prognose für den Standort Deutschland
Die langfristigen Aussichten für den Standort Deutschland bleiben anspruchsvoll. Während die deutsche Automobilindustrie 2026 voraussichtlich um 2,6 Prozent schrumpfen wird, prognostiziert Oxford Economics für China ein Wachstum von 1,9 Prozent. Wenn der Strukturwandel daher nicht gelingt, droht Deutschland der Verlust einer weiteren Schlüsselindustrie an die globale Konkurrenz. Die schleppende Entwicklung der Ladeinfrastruktur und die hohen Anschaffungskosten bleiben Hürden für den Durchbruch der privaten Elektromobilität. Für die Unternehmen der Branche gilt es daher mehr denn je, das eigene Risikomanagement konsequent zu stärken. Nischenanbieter mit klaren technologischen Alleinstellungsmerkmalen, Unternehmen mit starken Kooperationen bei Schlüsseltechnologien wie Batteriespeichern sowie konsequent transformierte Zulieferer werden den Wandel überstehen.
Das Auto verliert seinen Ruf als Statussymbol
Erschwerend kommt hinzu, dass das Auto seinen Ruf als des Deutschen liebstes Kind zu verlieren scheint. „Deutsche Ingenieurskunst ist kein zentrales Verkaufsargument mehr – was wir können, können andere jetzt auch. Fahrzeuge werden zunehmend als nützliche Gebrauchsgegenstände wahrgenommen, weniger als erstrebenswertes Eigentum oder Statussymbol“, sagt Frank Schumacher. Schuld sei nicht ein grundsätzliches Desinteresse an Mobilität. Inflation, Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz und den Wirtschaftsstandort Deutschland sowie das Bewusstsein um Nachhaltigkeit führten jedoch dazu, dass Preis, Digitalisierung oder ökologische Aspekte eine größere Bedeutung bekämen. Auch steige bei den Verbrauchern die Neigung, ein Auto eher zu leasen statt eines zu kaufen.
• Chinesische Hersteller dominieren den Markt für Elektrofahrzeuge
• Insolvenzen und Kapazitätsabbau bei Zulieferern nehmen zu
• Politische Schutzmaßnahmen verpuffen, regulatorischer Druck beschleunigt den Strukturwandel