Steuerkarusselle: Erhöhter Druck auf Elektronikhändler

Pressemitteilung

Von den Maßnahmen der Behörden gegen die Betrugsmasche waren zuletzt mehrere Groß- und Einzelhändler von Unterhaltungselektronik betroffen.

Köln, 27. Juni 2017 – Sogenannte Umsatzsteuerkarusselle und die gegen sie eingeleiteten Schritte der Steuerbehörden haben in den vergangenen Monaten das Liquiditätsrisiko in der europäischen Informations- und Kommunikationstechnikbranche (IKT) erhöht. Darauf weist der internationale Kreditversicherer Atradius hin. Von den Ermittlungs- und Strafmaßnahmen, die im Zusammenhang mit dem Betrugsmuster ergriffen wurden, waren zuletzt vermehrt Groß- und Einzelhändler von Unterhaltungselektronik betroffen – in Deutschland und vor allem in Osteuropa. In der Folge kam es gehäuft zu Zahlungsausfällen für die Lieferanten und Dienstleister der Branche, deren Zahlungsmoral traditionell als eher stabil gilt.

„Umsatzsteuerkarusselle sind heimtückisch, weil sie innerhalb kürzester Zeit die Existenz auch von unwissend beteiligten Unternehmen bedrohen können“, sagt Michael Karrenberg, Regional Director Risk Services Germany, Central, North, East Europe & Russia/CIS bei Atradius. „Wird die Betrugsmasche professionell durchgeführt, ist es für Firmen oft kaum zu erkennen, dass sie in einem solchen Karussell involviert sind. Gleichzeitig gehen Steuerfahndung und Staatsanwaltschaft schon im Verdachtsfall sehr strikt gegen Beteiligte vor. Selbst wenn am Ende ein Freispruch für ein Unternehmen erfolgt, ist häufig die finanzielle Basis bereits zerstört durch die bis dahin erfolgten Maßnahmen wie Pfändungen, eingefrorene Konten oder der Untersuchungshaft von Mitarbeitern.“ 

Von 2015 auf 2016 erhöhten sich bei Atradius die durch  IKT-Unternehmen in Mittel- und Osteuropa verursachten Schadenszahlungen um mehr als das Vierfache. Auch in naher Zukunft erwartet der Kreditversicherer weitere Schäden in der Branche infolge von Umsatzsteuerkarussellen. Die zuletzt größten Fälle gab es in Polen und Tschechien, auch in Deutschland waren Firmen betroffen.

Umsatzsteuerkarusselle: häufig professionell und schwer zu enttarnen

Der Betrug mittels Umsatzsatzsteuerkarussell baut auf einer Ausnahme im EU-Recht auf: Demnach muss bei innergemeinschaftlichen, grenzüberschreitenden Lieferungen zwischen Unternehmen nicht wie sonst üblich der Verkäufer die Umsatzsteuer abführen, sondern erst der Erwerber beim Weiterverkauf der Ware innerhalb des eigenen Landes.

Betrüger können diese Regelung für Steuerdelikte ausnutzen. Sie beziehen – häufig über Briefkastenfirmen – Waren aus dem EU-Ausland zum Nettopreis (= ohne Umsatzsteuer). Diese Waren verkaufen sie im Inland weiter. Bei diesen Weiterverkäufen geben sie ihren ursprünglichen Nettoeinkaufspreis (= ohne Umsatzsteuer) als Bruttoeinkaufspreis (inkl. Umsatzsteuer) aus. Auf den neuen, gefälschten Nettoeinkaufspreis geben sie einen geringen Preisaufschlag und veräußern die Waren zuzüglich Umsatzsteuer. Später lassen sie sich dann vom Finanzamt die Umsatzsteuer erstatten, die sie beim Kauf gerade nicht bezahlen mussten. So erzielen sie insgesamt einen Gewinn. Zur Vertuschung dient neben Scheinrechnungen oft auch ein komplexes Firmengeflecht, in dem die Waren schnell und mehrfach den Eigentümer wechseln – stets mit Ausweisung der Umsatzsteuer, so dass es nach außen den Anschein eines normalen Handelsgeschäftes hat. Der aus Betrügersicht ideale Fall tritt ein, wenn die Waren irgendwann wieder im EU-Ausland landen und der Kreislauf erneut beginnen kann.

Hintergrund: IKT-Branche besonders anfällig für die Betrugsmasche

In dieses Geflecht werden häufig auch unwissende Unternehmen eingebunden. Die IKT-Branche bietet aufgrund der Art ihrer Produkte Steuerbetrügern hierfür viele Möglichkeiten. So ist der logistische Aufwand zum An- und Verkauf von Mobiltelefonen, Bildschirmen, Festplatten, Tablets im Vergleich zu anderen Branchen relativ gering, auch bei hohen Stückzahlen. Gleichzeitig sind die Innovationszyklen kurz, so dass die jeweiligen Modelle schnell weiterverkauft werden. Gerät ein Händler ins Visier der Ermittler, haben die eingeleiteten Maßnahmen dann oft verheerende Folgen – bis hin zu einer möglichen Insolvenz des Unternehmens. 

„Verwicklungen in Umsatzsteuerkarusselle sind auch von außen oft schwierig zu erkennen“, sagt Michael Karrenberg. „Einkäufer sollten nach unserer Erfahrung vorsichtig sein bei Angeboten deutlich unter dem üblichen Marktwert – gerade dann, wenn die Waren vom Verkäufer als einmalige Gelegenheit oder Sonderposten deklariert werden. Beim Weiterverkauf ist es ein Indiz, wenn der Firmensitz des Käufers und der Lieferort in unterschiedlichen Ländern liegen, wobei der Lieferort oft ein Lager eines externen Logistikanbieters ist. Die Ware wird dort gegen Vorkasse oder Direktzahlung freigegeben und vom Käufer abgeholt – unter anderem, weil sich der Abnehmer so einer Prüfung durch die Kreditversicherung des Lieferanten entzieht, da in diesem Fall keine zu versichernde Forderung entsteht. Skeptisch sein sollte man auch bei Geschäftskontakten, die nicht persönlich bekannt sind und als Vermittler für regelmäßig wechselnde Lieferanten oder Kunden auftreten.“ 

IKT-Branche: vielfältige Herausforderungen

Neben den erhöhten Risiken durch Umsatzsteuerbetrug sieht sich die IKT-Branche – weltweit – erhöhtem Preisdruck und sinkenden Margen ausgesetzt. Besonders in gesättigten Märkten stehen die Unternehmen einer geringen Produktdifferenzierung sowie wachsendem Wettbewerbs- und Veränderungsdruck durch die schnelle Weiterentwicklung von digitalen Produkten und Services gegenüber.

Atradius bewertet das Ausfallrisiko für einen Lieferantenkredit bei allen Abnehmern im IKT-Bereich individuell auf Basis von Finanzkennzahlen und weiteren Daten. Aktuell erhöhte Ausfallrisiken sieht der Kreditversicherer insgesamt bei Einzelhändlern, die über keinen Online-Verkaufsplatz verfügen. Auch für Hardware-Großhändler ergibt sich ein höheres Risiko, wenn ihre Logistik und Services Schwächen aufweisen. Durch die relativ geringen Markteintrittsbarrieren können Aufträge dann schnell an andere Marktteilnehmer gehen. Auch Großeinkäufe von Modellen, deren Technik plötzlich überholt ist, können zum Risiko werden, wenn der Händler die Produkte nicht verkauft bekommt. Aufgrund des geringen Eigenkapitals droht dann schnell die Insolvenz. 

Derzeit positiv bewertet Atradius die Situation bei Anbietern von Steuerungselementen, Medizintechnik sowie Soft- und Hardware für die Automobilindustrie. Hier besteht aus Sicht des Kreditversicherers aktuell nur ein geringes Forderungsausfallrisiko.   

Über Atradius

Die Atradius Gruppe bietet weltweit Kreditversicherung, Bürgschaften und Inkassodienste an. Mit 160 Büros in mehr als 50 Ländern hat Atradius Zugang zu Bonitätsinformationen von mehr als 240 Millionen Firmen weltweit. Das Produktangebot hilft Unternehmen auf der ganzen Welt, sich vor Forderungsausfällen zu schützen, wenn Kunden gelieferte Waren oder erbrachte Dienstleistungen nicht bezahlen können. Atradius ist Teil der Grupo Catalana Occidente (GCO.MC), die in Spanien zu den größten Versicherern und weltweit zu den größten Kreditversicherern gehört.

Für weitere Informationen:

Atradius Kreditversicherung
Stefan Deimer
Pressereferent
Telefon: +49 (0) 221 2044 - 2016
E-Mail: stefan.deimer@atradius.com

               
Astrid Goldberg                           
Pressesprecherin                       
Telefon: +49 (0) 221 2044 - 2210               
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